Donnerstag, 18. März 2021

«Unternehmen sollen sich jetzt positionieren in der Gleichstellungsfrage.»

Genderkampf? Nein, danke. Regula Bührer spricht Klartext. 

 

m&k 3/2021

M&K Sie waren in Ihrer Karriere oft die «jüngste» oder auch «erste» Frau. Haben Sie das als Strateg in von langer Hand geplant oder hat das Leben da seinen Lauf genommen?
REGULA BÜHRER Es ist wie mit allen Sachen im Leben, du hast eine gewisse Vorstellung, wie es laufen könnte, aber du weisst es nie. Die Jüngste zu sein, hat mir ein gewisses Alleinstel­lungsmerkmal gegeben, das habe ich bewusst genutzt, aber das ist ja nun in meinem Alter vorbei, ich muss mir eine neue Strategie überlegen. (lacht)

Sind Sie schon feministisch sozialisiert aufgewachsen oder haben Sie sich das erkämpft
Nein, ich hatte nicht schon immer das Selbstverständnis, alles erreichen zu können, Mein Ziel war, mit 30 Jahren Beraterin in einer Agentur zu sein. Das habe ich gar nicht ge­schafft, weil ich schon im Alter von 24 in die Strategie gewechselt habe. Zum Glück.

Was fasziniert Sie an der Arbeit als Strategin?
Es war noch pre-lnternet-Zeit, als ich gemerkt habe, dass das Hintergründige, die Detektiv­arbeit sozusagen, mir extrem liegt. Aber es hat Jahre gedauert, bis ich auch vom Denken ins Mitteilen und dann ins Handeln fand. Man exponiert sich ja massiv, wenn man seine Strategie äussert und ins Handeln kommt. Inzwischen habe ich da ein Urvertrauen entwi­ckelt, ich habe es ja auch oft und viel gemacht.

Sind Sie an gläserne Decken gestossen in Ihrer Karriere?
Ich bin dem, glaube ich, einfach ausgewichen, in dem ich mit 29 mit Gleichgesinnten meine eigene Agentur gegründet habe. Ich bin überzeugt, es wäre für mich sehr schwer gewesen, mich in die Position hochzukämpfen, die ich heute ausübe.

Mit Ihrem Buch «Frauenarbeit» geben Sie jungen Frauen das Rüstzeug für den Start in die Karriere. Was hat Sie veranlasst, Ihre eigenen Erfahrungen aufzuschreiben?
2017 sind viele Ereignisse zusammengekommen: Ich stand kurz vor meinem 40. Geburtstag, meine Kinder waren beide aus dem Babyalter raus, meine Mutter schwer krank, leider unheilbar. Wahrscheinlich wollte ich eine Lebensphase abschliessen - und meiner Mutter noch vor dem Tod etwas von mir zeigen und Danke sagen. Darum wohl das Buch.

Wie kamen Sie auf den Ratgeber, es hätte ja auch ein Kochbuch oder ein Krimi sein können?
Das Gute am Ratgeber ist, ich habe all die Dinge selber erlebt, schöpfe also aus dem Vollen und andererseits habe ich, ganz die Strateg in, das Buch in 10 Themen aufgeteilt und jeder Abschnitt beinhaltet 10 Tipps. So konnte ich gut abends noch zwei drei Tipps schreiben und habe so portionsweise den Ratge­ber «Frauenarbeit» fertiggestellt.

Ich habe auch zwei Kinder, das ist eine ganz schöne Leistung.
Ich sage Ihnen ehrlich, ich habe keine Ahnung mehr, wie ich das alles ge­ schafft habe. Jahrelang könnte ich sicher nicht in einer solchen Kadenz arbeiten, aber es war wie ein Sprint und das ging. Der Verlag hat mir, zum Glück, ein wenig Druck gemacht, weil zu dieser Zeit gerade die Themen «me too» und andere feminisitsche Wellen hochschlugen und sie gesagt haben, sie verlegen das Buch, aber dann muss es fertig sein in den nächsten vier Monaten. Da bin ich losgesprintet.

Wie fielen die Reaktionen auf das Buch aus?
Es ist sehr gut angekommen. Wir sind jetzt schon in der zweiten Auflage ausverkauft. Parallel zum Buch haben wir noch eine Stiftung ins Leben gerufen, mit dem gleichen Namen wie das Buch. Diese ist aktiv auf lnstagram. Die Tipps und lnsights aus dem Buch sind ja nur Dinge, die ich erlebt habe. Da draussen hat es so viele Frauen, die andere Erfahrungen machen und ich wollte alle dazu einladen, die Plattform zu nutzen, sich mit anderen auszutauschen. Wir haben inzwischen 8'000 Follower, relativ aktive. Wir stellen auf dieser Plattform aber auch andere Rollen­modelle vor, Frauen, die wir bewundern, Männer, die wir bewundern, Unternehmen, die von Frauen gegründet wurden. Eine Content-und Wissens­plattform also. Ich bekomme viele Zuschriften, da ist ein kleiner Hype entstanden. Das ist schon fast ein Nebenjob (lacht).

Seit diesem Jahr sind Sie an Bord der Initiative «Equal Voice». Die Ringier­ Gruppe um CFO Annabella Bassler hat diese initiiert. Ziel: Mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Medienbericht­erstattung. Warum braucht es diese Initiative?
Da kommt die Strateg in durch, ich finde, der Impact dieser Initiative ist massiv. Es wird genau gemessen, wie  oft Frauen in der Medienberichterstat­tung vorkommen, wie oft Männer. Sie setzt aber nicht nur beim Messen an, sondern auch beim Tracken, beim Diskutieren, beim Optimieren. Und toll finde ich, dass sie mit anderen Massnahmen verbunden ist.

Welche sind das?
Equal Voice hat eine Expertinnenliste aufgebaut. Journalistinnen und Journa­listen können so, wenn sie einen «Quote» brauchen, zum Beipiel zu Werbung, eben auch auf Expertinnen zugreifen, anstatt immer die gleichen Köpfe zu befragen. Die Initiative hat eine Ernsthaftigkeit und was ich wirklich mag, darf ich das überhaupt sagen? Es ist keine Pro-Women-lnitiative, sondern eine ausgeglichene Initiative. Sehr zeitgemäss und zukunftsgerichtet. Den Genderkampf wollen wir nicht bedienen.

Als Strategin packen Sie die Unterneh­men beim Schopf und machen ihnen klar, welch grosses Feld sie brach liegen lassen, wenn sie die Differenzierungs­chance nicht nutzen und das Thema Gleichstellung der Frauen im Business nicht angehen. Warum sind Unterneh­men da so zögerlich unterwegs?
Ich hatte ein Aha-Erlebnis, ich war mit meiner Tochter beim Frauenstreik, es war eine tolle Stimmung, sehr friedlich, voller Energie, ein riesiger Gute­ Laune-Anlass. Ich hab mich umgese­hen und gemerkt, kein Unternehmen solidarisiert sich in diesem Umfeld, dabei ist dies die Hälfte der Bevölke­ rung, die da zeigt, wie politisches Feiern geht. Dass niemand den Mut hat, sich da zu positionieren, fand ich schade und nicht zukunftsgerichtet. Je länger, desto mehr habe ich rausge­funden, warum das so ist.

Warum?
Viele Unternehmen fürchten sich, weil sie in ihren eigenen Reihen eben noch nicht ausgeglichen sind. Sie denken, wie sollen wir uns stark machen, wenn dann der Scheinwerfer auf uns gerich­tet ist, wir aber gar nicht bestehen können in der Praxis? Das würde dann einen riesigen Shitstorm geben. Aber ich glaube, der Druck ist gestiegen und es bewegt sich inzwischen viel. Es fehlt aber noch eine Art Zieldefinition, da spricht die Strategin, was wollen wir erreichen punkto Ausgeglichenheit? 50/50? 70/30? Wo wollen wir hin?

Wie stehen Sie zur Frauenquote?
Ich bin gegen eine Quote, ich glaube, das ist nicht hilfreich. Qualität muss sich organisch durchsetzen, aber ich höre mich selber reden und weiss, das klingt jetzt nicht sehr feministisch. Die Zeit arbeitet für uns Frauen, jetzt müssen wir dranbleiben, damit die Ausgeglichenheit umgesetzt wird.

Welche Tipps geben Sie Unterneh­men, um sich da erfolgreich in Stel­lung zu bringen?
Zuerst sollten Unternehmen sich nach innen richten, schauen, wie sieht es bei ihnen aus mit Gleichberechtigung und Ausgeglichenheit. Wie empfinden es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Eine Befragung ist da strategisch hilfreich, um zu schauen, wo das Unternehmen steht. Das bewegt schon ganz viel. Gegen aussen kann man erforschen, wie sehen es die Kunden, wie frauenfreundlich und ausgeglichen empfinden diese das Unternehmen? Ganz wichtig finde ich, dass man sich bewusst wird, man muss nicht perfekt sein, sondern auf dem Weg. Nie war die Gelegenheit besser, weil alle anderen Unternehmen auch noch nicht perfekt sind.

Ich möchte zu einem anderen, nicht minder aktuellen Thema kommen. Mit Rod machen Sie die Kommunikation für das BAG in der Coronapandemie. Wie gestaltet sich das?
Mit dem Team vom BAG haben wir von Anfang an einen sehr konstruktiven und schnellen Zusammenarbeitsmo­dus gehabt, vor allem am Anfang der Krise haben wir Tag und Nacht gear­beitet, man konnte ja nicht abschätzen, wie sich das entwickelt. Wir mussten immer zwei Schritte voraus sein und antizipieren, wo geht es in den nächs­ten Tagen lang. Und darauf dann, am besten in Echtzeit, eine Kampagne entwickeln. Nach 12 Monaten ist diese Zusammenarbeit erprobt und stabil. So nah mit einem Kunden, mit einer Aufgabe zu sein, das ist schon speziell. Alles ist so dringlich, dass es keine Zeit für Verkaufsüberzeugung braucht, die es sonst immer zwischen Kunde und Agentur gibt. Das braucht viel Nähe und Vertrauen. Dafür bin ich dankbar.

Der Frühling kommt, die Menschen sind coronamüde, wie kommunizieren Sie mit Rod die nächsten Schritte, die das BAG einleitet?
Wir sind jeden Tag in Kontakt und sprechen natürlich auch über die mittelfristigen Massnahmen. Wir haben bei Rod ein tolles Team, ich möchte allen danken, auch dem Team des BAG.

Was nehmen Sie mit aus der Corona­krise?
Nähe und Zusammenhalt funktionieren auch in Krisenzeiten, und das bessser als gedacht.


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